Melodram mit Prof. Peter P. Pachl, Deklamation und Rainer Maria Klaas, Klavier


199. Hauskonzert
Sonntag, 29. Januar 2017, 15:30h
Am Hügel 4 in 13437 Berlin

Melodram
mit Prof. Peter P. Pachl, Deklamation
und Rainer Maria Klaas, Klavier


ab 15:15h Einlass Am Hügel 4
15:30h   Begrüßung und Einführung durch Patrick Eichenberger
15:35h Prof. Peter P. Pachl, Deklamation und Rainer Maria Klaas, Klavier
           CAMILLO HORN (1860-1941):       12
Der Fischer (Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)
Das Kind am Brunnen (Friedrich Hebbel 1813-1863)
Die Zwerge auf dem Baum (August Kopisch 1799-1853)

              FRANZ SCHREKER (1878-1934):         29
Das Weib des Intaphernes (Eduard Stucken 1865-1936)
Klavierfassung von Rainer Maria Klaas

***PAUSE***
              ARNOLD WINTERNITZ (1874-1928):        12
Der Fluch der Kröte (Gustav Meyrink 1868-1932)

           ERICH J. WOLFF (1874-1913):          10
Pierrot-Zyklus: Serenade – Intermezzo – Finale (Dichter unbekannt)

           RAINER MARIA KLAAS (Improvisation)         15
Die Tanzgilde (Otto Julius Bierbaum, 1865-1910, nach Arne Garborg, 1851-1924)

Ca. 17:20h Ende des Hauskonzerts  –  anschließend wie immer: Aperitif!




Das Melodram – Kurzvorstellung einer eigenständigen musikalischen Gattung


Das Melodram, im 18. Jahrhundert als eigenständige musikalische Gattung entstanden (Rousseau, Benda), erlebte um 1900 eine überraschende Renaissance. Vorreiter war Engelbert Humperdinck, der in der Erstfassung seiner Königskinderfür Schauspieler und Orchester (1897) die Tonhöhen der Sprechstimmen in spezieller Notation festlegte. Dieses Verfahren übernahm später Arnold Schönberg in seinem Pierrot lunaire (1912). Die Figur des Pierrot inspirierte seinen Kollegen Erich J. Wolff zu einem Triptychon, das am Anfang dieser umfangreichen Dokumentation steht, die zum überwiegenden Teil aus Ersteinspielungen besteht. Bis heute gelegentlich aufgeführt wird das Hexenlied von Max von Schillings (1902), das der menschlichen Sprechstimme ein großes Ausdruckspotential abverlangt und seinerzeit durch Ludwig Wüllner berühmt wurde. Franz Schrekers ursprünglich in einer Orchesterversion geschriebenes Melodram Das Weib des Intaphernes (1932) fand in Deutschland dagegen erst Ende der 80er Jahre ins Programm eines Konzertes.

Neben diesen beiden Prominenten trifft man in dieser Sammlung auf einige Komponistennamen, die heute kaum noch in den einschlägigen Lexika auftauchen, zu ihrer Zeit aber große Bedeutung hatten wie etwa der Bruckner-Schüler Camillo Horn, der hier Goethes viel zitierten „Fischer“ und Texte von Hebbel und Kopisch adaptiert.

Bei allen Unterschieden der Stile ist allen Melodramen eines gemeinsam: Die Musik ist hier – anders als in der Oper – immer der Dichtung gehorsame Tochter. Sie unterstützt den Text, illustriert und kommentiert und übernimmt bisweilen auch narrative Funktionen.

In einigen Fällen verlangen die Texte sogar nach Musik, etwa Nikolaus Lenaus Mischka an der Marosch. Der zur „Münchner Schule“ gehörende Josef Pembaur d. J. setzt in seiner Vertonung neben dem Klavier eine Solo-Violine ein, um die Weisen des Zigeunergeigers Mischka sinnlich erfahrbar zu machen. Das hinterlässt einen großen Eindruck beim Hören, vor allem durch das klangschöne und glutvolle Spiel von Martin Haunhorst, der auch in zwei Intermezzi von Erich J. Wolff seine Klasse beweist. Ebenfalls von Lenau ist die Ballade Anna, in der Handlungsmotive von Hofmannsthals Frau ohne Schatten vorweggenommen sind, während eine Leitmelodie irritierend an Eduard Künnekes später komponierten Armen Wandergesell erinnert. Der Komponist Heinrich Sthamer war als spätromantischer Symphoniker in Hamburg damals eine feste Größe.

Der geborene Linzer Arnold Winternitz, der wie Wolff zum Schönberg-Kreis gehörte, fällt vor allem durch seinen spielerischen Witz auf, ob er in Gustav Meyrinks Der Fluch der Kröte mit musikalischen Mitteln beschreibt, wie diese einen Tausendfüßler aus dem Takt bringt, oder in einer eigenen Nachdichtung von Andersen Die Nachtigall das Leben am chinesischen Hof satirisch schildert.

Dass die Entdeckungsreise in diese Randgebiete der Musikgeschichte kein rein archäologisches Vergnügen bleibt, ist der leidenschaftlichen und eloquenten Wiedergabe durch Peter P. Pachl und Rainer Maria Klaas zu verdanken. Ich kannte Pachl bisher nur als phantasievollen Regisseur und sachkundigen Musikschriftsteller und war deshalb angenehm überrascht, ihn hier als berufenen Rezitator zu erleben, der über eine reiche Palette an Stimmfarben und dramatischen Charakterisierungsmöglichkeiten verfügt, gleitende Übergänge vom Sprechen zum Singen meistert und auch dort, wo die Musik schweigt, ein feines Gespür für Melodie und Rhythmus der deutschen Sprache zeigt. Das rollende „r“ passt dabei zum Duktus der Dichtungen recht gut. Höchstes Lob gebührt dem Pianisten Klaas, der weit mehr ist als ein Begleiter und sich dennoch nie in den Vordergrund drängt. Er spielt dem Rezitator die Bälle zu und feuert ihn an und ersetzt an den dramatischen Höhepunkten mühelos ein Orchester.

Wie tief die beiden in die Welt der Melodramen eingedrungen sind, belegt das letzte Stück, eine Improvisation von Klaas auf einen vorher noch nicht vertonten Text von Otto Julius Bierbaum, Die Tanzgilde (1895), der mit seinen den Dadaismus vorausnehmenden Sprachspielereien entzückt.

Das vorbildlich edierte Booklet enthält neben vielen Fotos die kompletten gesungenen Texte und eine ausführliche Einführung von Pachl, die den Hörer mit den hier dringend erforderlichen Informationen versorgt.

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